Opfer für die Freiheit
17. November 2011
Die Nacht brach herein. Ein kühler Wind wehte von der Wüste heran. Es würde kalt werden, diese Nacht. Mit Bedauern gedachte ich der Wärme des Tages. Sie hatte im in den Boden gegrabenen Unterstand für halbwegs erträgliche Temperaturen gesorgt. Jetzt aber, wo die Sonne nur noch einen dünnen Streifen am Horizont erhellte, würde Kälte Einzug halten. Meine nur dünne Bekleidung ließ bereits erste Schauer durch. Eine unruhige Nacht würde es werden. An Schlaf war wohl nicht zu denken.
Die anderen saßen um das kleine Lagerfeuer herum. Es vermochte kaum die von Strapazen geschundenen Körper zu erwärmen. Dennoch rührte sich kaum ein Mann. Zu erschöpft waren wir alle. Heftige Kämpfe hatten den Tag geprägt. Bereits am frühen Morgen hatte unser Oberbefehlshaber Gaddafi den Sturm auf dieses so kümmerlich aussehende Rebellenlager befohlen. Wir dachten, leichtes Spiel zu haben. Doch unsere Brüder aus dem Osten des Landes hatten sich unerwartet heftig gewehrt. Hatten wir eine Schützenstellung erobert, brachen die Rebellen an anderer Stelle schon wieder aus und erkämpften sich verlorenes Gebiet zurück. So ging es bis zum Abend. Keiner Seite gelang es, den Sieg zu erringen. Mit Anbruch der Dunkelheit zogen wir uns des Kampfes müde zurück. Für heute hatte es genug Tote gegeben.
Nun saßen wir also an diesem Feuer, das seinen Namen kaum verdiente. Mit verschlossenen Mienen starrten die Männer in die Flammen. Hingen ihren Gedanken und Träumen nach. Doch offenbar hatten unsere Gegner etwas dagegen. Eine Stimme durchdrang lautstark die friedliche Ruhe. Ihr Besitzer stammte nicht aus Libyen. Überhaupt nicht aus dem arabischen Raum. Sie brach sich häufiger, als dass verständliches Arabisch durch die Nacht schallte. Dem Akzent nach musste der Sprecher sonst Englisch bevorzugen.
Was er sagte, konnten wir nur bruchstückhaft verstehen. Doch auch diese wenigen Brocken ließen Zorn in uns aufkommen. Man forderte uns auf, die Waffen nieder zu legen. Überzulaufen in das Rebellenlager. Freiheit und Demokratie wurden uns versprochen. Frei von Gaddafi und seiner Unterdrückung. Welche Anmaßung. Unseren geliebten Führer verraten? Vergessen, was er für mich und meine Familie getan hatte? Damals, an der Grenze zu Ägypten. Als die Fanatiker im Namen Allahs unser Dorf niederbrannten. Jeden Mann, der sich weigerte, sich ihnen anzuschließen im Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen, qualvoll verstümmelten. Frauen, die ihr Haupt unverhüllt zeigten, wurden zusammengetrieben. Jene, die sich dem Willen der Peiniger gebeugt hatten, mussten auf sie Steine werfen. Bis die entsetzlichen Schmerzensschreie erstarben.
Gaddafis Sohn selbst war uns mit einer Spezialeinheit zu Hilfe geeilt. Er rettete mir, meiner Familie und vielen anderen das Leben. Unsere Rache an den Fanatikern sollte ihren Gräueltaten in nichts nachstehen. Es war ein Blutbad der Gerechtigkeit.
Wut kam in mir auf. Was bildete sich dieser Propaganda-Gesandte aus dem Westen ein? Hielt er uns für Vieh, dass willig Befehle beachtete? Nein! Wir gaben ihm eine andere Antwort, als er wohl erwartete. Unsere Haubitze ließ ihn erfahren, was wir von seinen Beleidigungen hielten. Mit einem ohrenbetäubenden Donnern schlug die Granate im Rebellenlager ein. Sie riss einen tiefen Krater. Menschen wurden in die Luft geschleudert. Feuer brandete gen Himmel. Zelte gingen in Flammen auf. Hitze versengte die Haut der Kämpfer. Erstaunt stellte ich fest, dass selbst in unserem Lager die Hitze unerträglich wurde. Viele meiner Kameraden schrien. Vor gigantischen Feuerbällen hoben sich ihre Silhouetten gespensterhaft ab. Dann bemerkte ich meinen Irrtum. Es war nicht unsere Antwort, die all das bewirkte. Wie in Zeitlupe sah ich nur wenige Meter vor mir ein längliches Gebilde zu Boden sinken. Als es ihn berührte, blähte sich ein blendender Ball auf. Erste Ausläufer seines gierigen Feuers erreichten mich. Sie ließen meine Haut brennen, mein Blut kochen. Ehe ich einen Schrei unbeschreiblichen Schmerzes ausstoßen konnte, zerriss mein Körper in tausende Fetzen.
Mit Wehmut dachte ich an meine Kameraden. Unser Ziel, die Rebellen aus diesem Teil Libyens zu vertreiben, würde wohl eine andere Einheit erfüllen müssen. Freudig dachte ich an all die Freunde, die damals von den Fanatikern getötet worden waren. Ich würde sie bald wiedersehen. Besorgt dachte ich an die Zukunft jener, die ich nun zurück lassen würde. Ihnen blieb wohl nichts anderes, als sich dem Willen der Fanatiker zu beugen.
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